Das 20. Jahrhundert
M. Schulte Söhne 1908
Eine Vergrößerung des Briefkopfes zeigt anschaulich, wie man sich Lage und Dimensionen der Firma zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellen muss. Hinter dem großen Gebäude, seit 1889 der Hauptsitz der Firma, ziehen sich Wiesen und Felder zum Kaiserberg hinauf. In diesem Gebäude befinden sich das Stabeisenlager sowie die Verkaufsräume für Eisen- und Emaillewaren. Auf der anderen Seite der Asbacher Straße sehen wir ein kleineres Gebäude, das Herd- und Ofenlager. Es wird bereits im Jahre 1903 errichtet. „Eigener Herd ist Goldes wert“, so sagt das Sprichwort und drückt die in diesen Jahren entstehende große Nachfrage nach Herden und Öfen aus, die man mit diesem neuen Lager- und Verkaufsraum bedienen kann. Neben diesem Gebäude liegt das das neue Trägerlager mit seiner deutlich größeren Lagerfläche zu ebener Erde. Unterwegs sind auf der Asbacher Straße nur einzelne Fußgänger und Pferdefuhrwerke. Seit Beginn der 20-er Jahre dann besitzt die Firma Automobile, auf die die Eisen- und Stahllieferungen, die mit der Bahn in Linz ankommen, mit Muskelkraft verladen werden. Auf dem Gelände der heutigen Sanitärabteilung wird 1934 eine LKW-Garage gebaut. Seit 1958 stehen große Laster zur Verfügung, die den Stahl über weite Strecken transportieren können, so dass auf den Transport mit der Bahn verzichtet werden kann. Der Kundenkreis in dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist schon ähnlich groß wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Er umfasst rechts des Rheins den Westerwald bis Altenkirchen und das Gebiet zwischen Rheinbrohl und Beuel, links des Rheins die Eifel bis Adenau, das Gebiet um Burgbrohl, Brohl, Bad Breisig, Sinzig, Remagen und Oberwinter und das Ahrtal bis Grafschaft.
Josephine und Michael Schulte
Josephine und Michael Schulte, die die Firma aus den Stadtmauern heraus hier an ihrem neuen Standort vor dem Neutor angesiedelt haben, haben zwei Söhne. Joseph wird 1867 geboren, Wilhelm 1872. Ihnen ist ein langes Leben geschenkt, der eine wird 90 Jahre alt, der andere 89 Jahre. So dürfen die Brüder ihre Firma gemeinsam über viele Jahrzehnte führen, bis hinein in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit 1915 tun sie das gemeinsam mit Willy Schulte, dem Sohn von Maria und Joseph; 1921 tritt auch Ferdinand Schulte, der Sohn von Franziska und Wilhelm, in die Firma ein. Sie erleben den Ersten Weltkrieg, die Entstehung der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, die Weltwirtschaftskrise 1929 und das Ende der Weimarer Republik durch Hitlers Machtergreifung. 1937 dürfen sie mit ihren Mitarbeitern, deren Zahl vermutlich nicht größer als 10 war, das 150-jährige Jubiläum der Firma feiern, zwei Jahre, bevor mit dem Überfall auf Polen Deutschland den Zweiten Weltkrieg beginnt. Im Zweiten Weltkrieg haben sie wieder das große Glück, dass weder sie selbst noch ihre Frauen und Kinder persönlich Schaden nehmen. Auch die Firma bleibt von Zerstörungen durch Kriegseinwirkungen verschont.
Zwischen 1945 und 1987
Erst am Ende des Krieges, nämlich im Februar 1945, fallen auf Linz Bomben, Häuser werden zerstört und Menschen sterben. Als am 7.3.1945 amerikanische Truppen den Rhein bei Remagen überqueren, ist die Kapitulation Deutschlands ganz nahe gerückt. Im April 1945 richtet die amerikanische Militärführung in den Rheinwiesen zwischen Remagen und Sinzig, der „Goldenen Meile“, gegenüber von Linz ein Kriegsgefangenenlager ein. Mehr als 300 000 Menschen – die meisten davon sind deutsche Soldaten, aber auch ungarische, polnische und österreichische sind darunter – passieren das Lager. Die Zustände dort sind, wie man sich vorstellen kann, furchtbar, es gibt kaum zu essen und zu trinken, keinen Schutz vor der Kälte, Seuchen breiten sich aus. Als das Lager im Juli 1945 geschlossen wird, sind etwa 1300 Menschen umgekommen.
Der Linzer Bevölkerung dagegen geht es in der Nachkriegszeit verhältnismäßig gut. Wenige haben ihre Wohnungen verloren; die Versorgungslage ist zwar sehr schwierig, verglichen jedoch mit der Situation in Großstädten wie Berlin oder Köln erträglich.
Auch für Willy und Ferdinand Schulte und ihre Familien sind diese Nachkriegsjahre nicht einfach, aber das, was sie und die Generationen vor ihnen geschaffen haben, ist ihnen geblieben und sie dürfen es weiterführen und ausbauen.
In den folgenden Jahrzehnten erleben sie tief greifende und rasante politische und ökonomische Veränderungen. Zwei deutsche Staaten gründen sich 1949, die Bundesrepublik und die DDR. Die Welt teilt sich in zwei Blöcke, der Kalte Krieg beginnt, der mit dem Bau der Mauer einen Höhepunkt erreichen wird. Für den einen der beiden deutschen Staaten, für die Bundesrepublik, beginnen ab den 50-er Jahren, auch dank der Aufbauhilfe des amerikanischen Staates, die „Wirtschaftswunderjahre“. Von 1949 bis 1963 ist Konrad Adenauer Bundeskanzler. In seine Regierungszeit fallen u.a. die „Wiederbewaffnung“, die Entwicklung der „Sozialen Marktwirtschaft“ und die ersten wichtigen Schritte zur Einbindung der Bundesrepublik in ein europäisches Bündnis.
Maria Schulte, unsere Mutter, ist das einzige Kind von Willy und Else Schulte. Nach ihrem Abitur macht sie eine kaufmännische Ausbildung und heiratet im Jahre 1957 den Maschinenbauingenieur Josef Dillmann. Nach der Hochzeit ist unser Vater noch ein Jahr lang als Ingenieur in Duisburg tätig und anschließend eine kurze Zeit bei der Basalt AG in Linz beschäftigt, bevor er 1960 in die Firma Schulte eintritt und seinen Schwiegervater Willy und dessen Cousin Ferdinand unterstützt. 1962 begehen sie das 175-jährige Firmenjubiläum. Nach dem Tod unseres Großvaters Willy im Jahr 1968 führt unser Vater den Betrieb zusammen mit Ferdinand Schulte weiter.
200-jährige Jubiläum
1987 feiern sie mit ihren Familien und etwa 25 Mitarbeitern das 200-jährige Jubiläum und dürfen auf eine erfolgreiche Entwicklung der Firma in den letzten vier Jahrzehnten zurückblicken. Wichtige Baumaßnahmen sind in dieser Zeit durchgeführt worden: In den 1950-er Jahren wurde die Fassade des Hauptgebäudes neu gestaltet, 1968 die Haushalt- und Eisenwarenabteilung modernisiert, 1977 eine Sanitärausstellung mit Lagerräumen errichtet und 1985 eine neue Lagerhalle gebaut für Stab- und Formstähle sowie für Bleche und Rohre. Der Kundenkreis der Firma hat sich vergrößert; er reicht über den Kreis Ahrweiler hinaus, weit in den Westerwald hinein und umfasst lange Strecken rheinauf- und rheinabwärts. In der Palette des Angebots findet man Walzstahlprodukte, Drahtmaterial, sanitäre Einrichtungen und Heizungsbedarf sowie Kleineisenwaren aller Art, Haushaltwaren, Glas und Porzellan. Dazu kommen Öfen und Herde, Werkzeuge und Maschinen und ein großes Kugellagersortiment.